Download-Version der Zusammenfassung der Aqua Urbanica 2015

WASSER SCHUTZ MENSCH – eine Dreierbeziehung im Wandel

von Ulrich DITTMER und Birgit SCHLICHTIG, Stuttgart
 

Zum fünften Mal fand am 7. und 8. Oktober 2015 die Aqua Urbanica, eine deutschsprachige Konferenz zum Thema Misch- und Niederschlagswasserbehandlung im urbanen Raum statt. Mehr als 180 Teilnehmerinnen und Teilnehmer diskutierten am Max-Planck-Institut für Festkörperforschung in Stuttgart über aktuelle und zukünftige Herausforderungen der Siedlungsentwässerung und Stadtentwicklung. 13 Fachaussteller präsentierten ihre Produkte und Verfahren zum Schutz von Mensch und Umwelt.



Podiumsdiskussion „Integrierte Planungsprozesse für eine wassersensitive Stadtentwicklung“ am 08.10.2015 (v.l.n.r.: Wolfgang Rauch, Universität Innsbruck; Max Maurer, ETH Zürich; Ulrich Dittmer, Universität Stuttgart; Herbert Dreiseitl, Rambøll Management Consulting GmbH Überlingen; Arno Valin, Amt für Tiefbau, Grünflächen und Umwelt der Stadt Reutlingen sowie Stadtentwässerung Reutlingen; Theo G. Schmitt; TU Kaiserslautern) © Universität Stuttgart

Die Aqua Urbanica wurde im Jahr 2011 von den siedlungswasserwirtschaftlichen Instituten der Universität Innsbruck, der TU Graz, der ETH/Eawag Zürich, der TU Kaiserslautern sowie der Universität Stuttgart gemeinsam mit den jeweiligen nationalen Verbänden, dem Österreichischen Wasser- und Abfallwirtschaftsverband (ÖWAV), dem Verband Schweizer Abwasser- und Gewässerschutzleute (VSA) sowie der Deutschen Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall (DWA) ins Leben gerufen. Seither findet sie abwechselnd in den D-A-CH Ländern Deutschland, Österreich und Schweiz statt, mit dem Ziel einerseits die Kommunikation zwischen Wissenschaft und Praxis zu pflegen und andererseits den Austausch innerhalb des deutschsprachigen Raums zu fördern. Im Jahr 2015 war das Institut für Siedlungswasserbau, Wassergüte- und Abfallwirtschaft der Universität Stuttgart Veranstalter und Gastgeber der fünften Aqua Urbanica. Zentrales Thema der Aqua Urbanica ist der Umgang mit Niederschlagsabflüssen in Siedlungsgebieten. Die hierfür über Jahrzehnte geschaffene Infrastruktur gilt es durch ein anpassungsfähiges Management des stadthydrologischen Gesamtsystems für zukünftige Herausforderungen intelligent weiterzuentwickeln.
 

WASSER SCHUTZ MENSCH

22 Vortragende von Universitäten und Forschungseinrichtungen, aus der Ingenieurpraxis, von Betreibern von Entwässerungsnetzen sowie aus der öffentlichen Verwaltung präsentierten ihre Arbeiten dem ebenso breit gefächerten Publikum. Dass sich die Dreierbeziehung des gegenseitigen Schutzes des Menschen und der aquatischen Umwelt im Wandel befindet, erläuterte Prof. Heidrun Steinmetz von der Universität Stuttgart in ihrer Begrüßung. Konzepte aus der Vergangenheit, Wasserläufe aus dem Stadtbild zu verdrängen und auf Entsorgungswege für Abwasser und Regen zu reduzieren, werden den heutigen Anforderungen an die Überflutungsvorsorge und die städtische Lebensqualität nicht mehr gerecht. Eine wassersensitive Stadtentwicklung erfordert eine neue Planungskultur, die in der diesjährigen Veranstaltung vertieft betrachtet werden soll.
 

Alte und neue Herausforderungen

Mit der Generierung synthetischer hochaufgelöster Niederschlagszeitreihen für eine optimierte Planung von Stadtentwässerungssystemen beschäftigte sich die erste Session. Dabei waren sich die Teilnehmenden schnell einig, dass die Frage „Wie groß baue ich meine Leitung?“ auch zukünftig von den ökonomisch möglichen und ökologisch notwendigen Randbedingungen abhängig bleiben wird und dabei Extremereignisse nicht berücksichtigt werden können. In der Session „Mischwasserentlastungen“ wurde die Bedeutung von Messungen und Messdatenauswertungen an Anlagen der Regenwasserbehandlung für deren Weiterentwicklung sowie die Schmutzfrachtberechnung hervorgehoben. Die Reduzierung von Mischwasserentlastungen ist auch aufgrund des Anspruches der Gesellschaft an die Nutzung von Gewässern als Badegewässer sowie des Ziels der Wasserrahmenrichtlinie an einen guten Zustand der Gewässer von Nöten.
 

Dezentrale Behandlung

In dieser Session wurde deutlich, dass dezentrale Behandlungs- und Aufbereitungsmaßnahmen von Regen- und Abwasser ein hohes Potenzial zur Anpassung an sich ändernde Einflüsse aufweisen und dass ein gut geschultes Betriebspersonal eine wesentliche Grundlage für den gewissenhaften Betrieb solcher Anlagen ist. Es wurden sowohl neue Konzepte als auch weitergehende Anforderungen an die dezentrale Behandlung von Regenwasserabflüssen beleuchtet. Ein Schwerpunkt lag auf der Abschätzung des Feststoffeintrages in Niederschlagsabflüssen. Dem Thema der dezentralen Behandlung widmeten sich auch mehrere Poster sowie Fachaussteller mit ihren innovativen Lösungsansätzen und Produkten.
 

Spurenstoffe

Einen weiteren Schwerpunkt nahm der Umgang mit Mikroschadstoffen wie beispielsweise Medikamentenrückstände, Pflanzenschutzmittel, Körperpflegeprodukte und Haushalts- und Industriechemikalien ein. Dazu wurden sowohl auf einer kleinräumigen Ebene als auch für ein Flusseinzugsgebiet Ergebnisse zur Bilanzierung von Spurenstoffströmen vorgestellt. Beide Projekte zeigten auf, dass bei einer stoffspezifischen Betrachtung die beiden Wege der Abwasserreinigung und der Mischwasserentlastungen für Einträge in die Gewässer von Bedeutung sind, dass viele Stoffe die gesetzlich geregelten Umweltqualitätsnormen überschreiten und dass weitere Stoffe von Bedeutung sind, die heute noch nicht geregelt sind. Der gute chemische Zustand gemäß WRRL wird nur durch eine Kombination von Maßnahmen zur Vermeidung und Verminderung auf der Kläranlage und an den Entlastungsbauwerken erreicht werden können.
 

Stadt im Regen

Sowohl in der Keynote zur diesjährigen Tagung „Wasser und Klima – von der Bedrohung zur Chance lebenswerter Stadtentwicklung“ als auch in der letzten Session und der abschließenden Podiumsdiskussion wurde deutlich, dass eine wassersensitive Stadtentwicklung nicht alleine durch Beiträge aus der Wasserwirtschaft geleistet werden kann. Blau-grüne Infrastrukturen in der Stadt erfordern neue Formen der Zusammenarbeit von Wasserwirtschaftsingenieuren mit Stadtplanern, Landschaftsarchitekten und weiteren Fachbereichen sowie integrierte Planungsprozesse. Dass dies auf der Ebene von Forschungs- und Pilotprojekten bereits gelingt, zeigen beeindruckende Beispiele. Die Herausforderungen liegen in der Umsetzung in die Praxis. Hier gilt es, bei den verantwortlichen Personen und den Bewohnern Mut und Vertrauen für einen neuen Umgang mit Wasser in der Stadt zu schaffen.

Im Rahmen der Tagung wurde der „Best Poster Award“ zum Thema „Vereinfachte Abschätzung der Interaktionen zwischen Grundwasser und Kanalnetz – Ein Vergleich zwischen GIS-Operationen und Modellierung“ an Anna Bachmann von der Universität Stuttgart verliehen. Die Posterpräsentation hatte das Publikum überzeugt.

Die Aqua Urbanica 2016 findet am 26. und 27. September 2016 in Zürich statt. Die Veranstalter freuen sich wieder auf zahlreiche Einreichungen.

 

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